DER MANN HINTERM HORIZONT

© Stephanie Knauer, 21. Oktober 2007
Mit Illustrationen von Renate Knauer


Warst Du schon mal am Meer? Oder auf einem Berg? Zur Not geht auch ein Hochhaus mit vielen Stockwerken. Und wenn es in Deiner Nähe kein Meer, keinen Berg und kein Hochhaus gibt, reicht auch die Dachluke an Deinem Haus. Möglichst hoch oben musst Du sein, damit Du sehen kannst, was ich Dir zeigen will. Den Horizont nämlich. Der Horizont, das ist die waagrechte Linie ganz weit hinten. Und diese Linie siehst Du, wenn Du von der Höhe oder vom Meer aus schaust. (Am besten wäre natürlich ein Flugzeug- aber wer hat schon ein eigenes?) Dort jedenfalls, gleich hinter dem Horizont, wohnt der Mann hinterm Horizont. Der Mann hinterm Horizont ist uralt, fast so alt wie die Erde. Trotzdem kennt ihn kein Mensch. Nur ich. Und Du jetzt auch. Weil ihn kein Mensch kennt, hat er auch keinen richtigen Namen. Deshalb darfst Du Dir jetzt gerne einen überlegen.
Na? Hast Du einen Namen für den Mann hinterm Horizont gefunden? Dann kannst Du, wenn Du willst, jedes Mal, wenn Du Herr.. liest, Deinen erdachten Namen ergänzen. Eigentlich ist es sehr schade, dass kein Mensch Herrn.., den Mann hinterm Horizont, kennt. Denn er ist ein sehr netter alter Herr mit einem ganz langen weißen Bart. Hinter dem Horizont gibt es natürlich keine Frisöre. Deshalb hat sich Herr.. den Bart so lange wachsen lassen, bis der selber damit aufgehört hat. So ein langer Bart ist recht praktisch. Im Winter wickelt sich Herr.. darin ein und hat es wunderbar warm. Im Sommer schlingt er ihn um seinen Kopf. Wie einen Turban, der ihn vor den sengenden Sonnenstrahlen schützt. Außerdem hat Herr.. noch ein langes lila Gewand, eine dicke Brille, eine Sonnenbrille und zwei Paar Schuhe: Sandalen für den Sommer und Pelzstiefel für den Winter. Das reicht ihm völlig.

Jetzt willst Du bestimmt wissen, wie es hinter dem Horizont überhaupt aussieht. Das lässt sich gar nicht so leicht beschreiben. Denn hinter dem Horizont ist vieles anders als auf der Erde. Eigentlich ist der Horizont ja nur ein schmaler aber sehr, sehr langer Streifen. Wie lang, kannst Du Dir vorstellen, wenn Du vom Meer, Berg, Hochhaus oder der Dachluke aus nach ihm schaust. An diesem Streifen ist der Himmel befestigt. Mit eintausendvierhundertundvierzig Knoten aus Engelshaar, das den vielen Engeln irgendwann von selbst ausgefallen und besonders stabil ist.
Damit nicht etwa ein Knoten reißt, kontrolliert Herr.. regelmäßig jeden einzelnen genau. Da hat Herr.. ganz schön was zu tun! Du brauchst Dir aber keine Sorgen machen, dass der Himmel einmal davon flattert. Schließlich gibt es die Erde schon so lange. Und nie ist etwas passiert. Oder? Na also. Hinterm Horizont gibt es noch mehr. Das Häuschen von Frau Sonne und Herr Mond zum Beispiel. Beide wohnen dort wenn sie nicht gerade scheinen müssen. Sehen tun sie sich leider selten. Wenn der Wecker von Frau Sonne klingelt, ist Herr Mond meistens noch unterwegs. Umgekehrt ist es genauso. Frau Sonne und Herr Mond verstehen sich mit Herr.. prächtig. „Guten Morgen“, grüßt die strahlende Sonne, wenn sie zur Arbeit geht. „Guten Abend“, der Mond, wenn er mit seiner Laterne in der Hand aufbricht. Herr.. würde ja so gerne mal beide zum Essen einladen. Aber sie haben nie Zeit. Dabei kocht er leidenschaftlich gerne. Wenn Du am Horizont lustige weiße Wölkchen aufsteigen siehst bedeutet das, dass Herr.. wieder einmal ein neues Rezept ausprobiert. Gefüllte Wachtel- Eier mit Auberginen- Mus an Spargelspitzen zum Beispiel. Oder Cordon Rouge auf Sauerkrautnest und Kartoffel- Soufflé.

Manchmal kommt der Gute- Gedanken- Engel vorbei und darf dann probieren. Der Gute- Gedanken- Engel streut gute Gedanken über die Menschen. Damit es ihnen besser geht. Und wenn es den Menschen besser geht, sind sie vielleicht auch netter zueinander. Eigentlich soll der Gute- Gedanken- Engel bei Herrn.. nur die weiße Wäsche abholen. Und meistens hat er auch ein bisschen Engelshaar dabei. Zum Ausbessern der Knoten, falls es mal nötig sein sollte. Aber er bleibt dann doch immer bis zum späten Abend, wenn Herr Mond längst im Dienst und Frau Sonne längst im Bett ist.
Wahrscheinlich hast Du Dich schon gefragt, welche weiße Wäsche der Gute- Gedanken- Engel denn abholen soll? Tja- Herr.. hat nämlich noch eine andere, viel, viel schwierigere Aufgabe als das Knoten- Kontrollieren. Aber Du musst mit jetzt gut zuhören. Denn die Aufgabe von Herrn.. ist so kompliziert und geheim, dass ich sie Dir nur zuflüstern darf. Also:
Herr.. kocht die dunklen, bösen Gedanken der Menschen so lange, bis sie ganz weiß sind. Stell Dir das mal vor!

Extra dafür steht in seinem Häuschen ein riesengroßer kochender Topf, gefüllt mit Wasser und geheimnisvollen Kräutern. Wenn nun irgendwo auf der Erde jemand Böses denkt, fliegt der gedachte Gedanke sofort freiwillig in den Topf von Herr.. Damit er darin weiß gekocht wird. Als dunkler, böser Gedanke fühlt er sich nämlich nicht wohl. Weil leider oft Böses gedacht wird, ist der Topf auch so riesengroß. So haben viele dunkle, böse Gedanken Platz zum Gekocht werden. Ist der Gedanke endlich weiß gekocht, hängt ihn Herr.. zum Trocknen an eine lange Leine. Der Horizontstreifen ist ja sehr, sehr lang. Da können die vielen weißgekochten Gedanken in Ruhe trocknen. Und wenn sie trocken sind, holt sie der Gute- Gedanken- Engel ab. Damit werden Löcher im Himmel ausgebessert. Oder Sterne geflickt. Das machen dann die vielen Engel, die ständig herum fliegen und dabei Engelshaare verlieren.

In letzter Zeit wird es Herr.. aber ein bisschen zuviel mit der ganzen Auskocherei. Immer mehr böse Gedanken werden gedacht und kommen zum Kochen. Inzwischen sind es so viele, dass sich Herr.. um nichts anderes mehr kümmern kann. Dabei hätte er ein tolles Rezept, das er so gerne ausprobieren würde! Auch die eintausendvierhundertundvierzig Knoten aus Engelshaar kann Herr.. nicht mehr kontrollieren, die ja Erde und Himmel zusammen halten. Und das ist ganz besonders schlimm!
Schließlich weiß sich Herr.. nicht mehr zu helfen und ruft den Gute- Gedanken- Engel zu Hilfe. Der hat bis jetzt gar nicht gemerkt, wie unordentlich es mittlerweile in der Waschküche von Herrn.. aussieht: nämlich bis zur Decke vollgestopft mit bösen Gedanken, die auf eine freien Platz im Kochtopf warten! „Was machen wir denn da?“, fragt der Gute- Gedanken- Engel erschrocken. „Deshalb habe ich Sie doch gerufen“, antwortet Herr.. Und zupft dabei nervös an seinen Barthaaren. Der Gute- Gedanken- Engel denkt nach. „Wie wäre es mit einer Waschmaschine?“, schlägt er vor. „Damit werden die bösen Gedanken doch nicht weniger“, erwidert Herr.. , der langsam ganz aufgeregt wird. Weil dem Gute- Gedanken- Engel anscheinend auch nichts Brauchbares einfällt. Plötzlich hat Herr.. eine Idee: „Könnten Sie nicht öfters gute Gedanken ausstreuen? Dann denken die Menschen weniger schlecht.“ Der Gute- Gedanken- Engel schüttelt den Kopf. „Das darf ich nicht.“ Herr.. sieht ihn durch seine dicken Brillengläser erstaunt an. Der Gute- Gedanken- Engel erklärt warum: „Nun ja, ich darf den Menschen nur einen guten Gedanken täglich zur Anregung schicken. Sie sollen nämlich lernen, selbst auf gute Gedanken zu kommen.“ Herr.. und der Gute- Gedanken- Engel sind ratlos.

Da nähert sich Herr Mond, der auf dem Weg zur Arbeit ist. „Guten Abend allerseits“, grüßt er freundlich und stutzt: „Warum schauen Sie so ratlos?“ „Es fliegen zu viele böse Gedanken in meinen Topf“, erklärt Herr.. traurig. „Und wir wissen nicht, was wir tun können, damit die Menschen weniger böse denken“, fügt der Gute- Gedanken- Engel ebenso traurig hinzu. „Hmm“, murmelt Herr Mond und kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf. „Komisch. Wenn ich nachts am Himmel scheine, dann schlafen alle und denken nicht.“
Herr.. , der Gute- Gedanken- Engel und Herr Mond überlegen eifrig. So eifrig, dass ihre Stirn ganz runzlig wird dabei. „Aber vielleicht ist das die Lösung“, fällt da Herrn Mond ein: „Wie wäre es, wenn die Menschen auch tagsüber schlafen würden? Im Schlaf träumen sie nur und denken nichts, auch nichts Böses.“ „Nein, nein, das geht nicht“, wehrt der Gute- Gedanken- Engel ab. „Zum Schlafen allein sind die Menschen nicht auf der Welt.“ „Tja, dann bin ich ratlos“, seufzt Herr Mond und schaut auf seine Uhr: „Oh, schon so spät!“ Hastig verabschiedet er sich. Denn er darf keinesfalls zu spät am Himmel aufgehen.
Herr.. und der Gute- Gedanken- Engel überlegen weiter. „Es muss doch möglich sein, dass die Menschen Gutes denken lernen“, murmelt dabei der Gute- Gedanken- Engel.
„Da kommt Frau Sonne“, ruft Herr.. erleichtert. „Sie weiß bestimmt einen Rat.“ Schnell nimmt er seine dicke Brille ab und setzt sich die Sonnenbrille auf. Weil Frau Sonne heute ganz besonders hell strahlt. „Guten Tag, Frau Sonne“, grüßen Herr.. und der Gute- Gedanken- Engel. „Guten Tag, die Herren“, grüßt Frau Sonne höflich zurück und will gerade weiter gehen. Da hält sie Herr.. zurück: „Bitte entschuldigen Sie die Störung, Frau Sonne“, beginnt er zögernd. Herr.. ist nämlich ein bisschen schüchtern. Besonders dann, wenn er mit vornehmen Damen sprechen soll. Und die Frau Sonne ist eine sehr vornehme Dame. Aber weil Herr.. einen Rat von Frau Sonne haben möchte, spricht er mutig weiter: „Wir beide bräuchten dringend Ihren Rat.“ „Nanu“, meint Frau Sonne erstaunt. „Was ist denn passiert?“ „Die Menschen denken tagsüber zuviel Böses“, sagt der Gute- Gedanken- Engel. „Und wir rätseln gerade, wie die Menschen das Gute- Gedanken- Denken lernen.“ „Damit mein Kochtopf endlich leerer wird“, fügt Herr.. hinzu. „Oh, das ist ein schwieriges Problem“, bemerkt Frau Sonne und strahlt auch gleich ein bisschen weniger. Weil sie so angestrengt darüber nachdenkt.

„Warum“, fragt sie nach einer Weile, „denkt jemand überhaupt Gutes oder Schlechtes?“ Herr.. und der Gute- Gedanken- Engel sind über diese Frage verblüfft. „Das ist doch ganz einfach“, meint der Gute- Gedanken- Engel: „Weil er sich so fühlt, wie er denkt.“ „Das ist aber nicht der Grund“, belehrt ihn Frau Sonne. „Stimmt“, bemerkt der Gute- Gedanken- Engel und stellt überrascht fest: „Die Frage ist ja richtig schwer!“ „Wenn sich jemand gut fühlt..“, überlegt Herr.. „Dann hat er sich und die anderen gern“, ergänzt der Gute- Gedanken- Engel. Plötzlich haben alle drei die richtige Idee: „Die Liebe“, rufen sie ganz laut: „Die Liebe sorgt für gute Gedanken!“

Vor Freude über die gefundene Lösung tanzt Herr.. mit Frau Sonne sogar einen flotten Walzer. Obwohl Herr.. so schüchtern ist! Und der Gute- Gedanken- Engel dreht sich daneben lustig im Kreis. Danach verabschiedet sich Frau Sonne. Denn sie hat zu Hause noch einiges zu tun.
Herr.. und der Gute- Gedanken- Engel beraten sich: „Die Liebe unter den Menschen muss größer werden“, findet Herr.. „Aber es bekommt doch jeder Mensch, der auf die Welt kommt, ein Körnchen Liebe in sein Herz eingepflanzt“, grübelt der Gute- Gedanken- Engel: „Also sollte eigentlich genügend Liebe auf der Welt sein.“ „Bestimmt müsste es mal gegossen werden, damit es wächst“, meint Herr.. „Selbstverständlich wird das Körnchen Liebe gegossen, gleich nach dem Einpflanzen“, behauptet der Gute- Gedanken- Engel. Und ist fast ein wenig beleidigt. Weil das Gießen nach dem Einpflanzen doch ganz normal ist. „Vielleicht muss es einfach nochmals gegossen werden“, vermutet Herr.. Ganz vorsichtig fragt er: „Gibt es einen Gärtner- Engel, der das Körnchen Liebe in den Menschen gießt?“ Der Gute- Gedanken- Engel rätselt: „Das ist... das macht.. Ich weiß es nicht“, gesteht er beschämt. „Aber ich werde sofort unseren Ober- Engel fragen“, verspricht er und fliegt sofort davon.

Der Ober- Engel ist der Direktor der großen Engelsschar. Er bestimmt, welche Aufgaben jeder Engel erledigen soll. Und hilft, wenn ein Engel ein Problem hat. Wie der Gute- Gedanken- Engel, der gerade eilig durch die Luft flattert. Von Herr.. hinterm Horizont bis zum Büro des Ober- Engel ist es zum Glück nicht weit. Das Büro ist nämlich ganz nah am Horizont, direkt neben dem hellsten Stern am Himmel. Der hellste Stern am Himmel ist der erste, der abends zu leuchten beginnt. So hat der Ober- Engel für seinen Bürotisch eine prima Bürolampe. Die braucht er, damit er auch nachts arbeiten kann. Der Ober- Engel ist nämlich sehr fleißig. Inzwischen ist der Gute- Gedanken- Engel dort angelangt. „Grüß Gott, Herr Ober- Engel“, beginnt er und fragt: „Können Sie mir sagen, wer von uns das Körnchen Liebe in den Menschen gießt?“ Der Ober- Engel stutzt. „Da muss ich nachschauen“, meint der und blättert in den Akten, die auf dem Bürotisch liegen. „Nein, der Engel ist es nicht.. und der auch nicht..“, brummt er immer wieder. Zuletzt blickt er auf und sieht ganz verlegen aus: „Ich glaube, man hat bei der Schöpfung vergessen, einen Gärtner- Engel fürs Gießen zu bestimmen.“ Weil der Gute- Gedanken- Engel gar so erstaunt blickt, fügt er hastig hinzu: „Kein Wunder bei dem Durcheinander damals. Aber ich werde sofort jemanden suchen. Und“, der Ober- Engel holt vor Aufregung tief Luft. So ein Versehen ist schließlich keine Kleinigkeit. „Und da diesmal alle Menschenherzen gegossen werden müssen, sollen auch alle Engel mithelfen.“ Das bringt den Gute- Gedanken- Engel in arge Verlegenheit. Denn er würde ja gerne mitgießen. Wenn er könnte. Aber er kann nicht. Weil doch Herr.. auf ihn wartet. Deshalb räuspert er sich zaghaft, „hrm“, und fragt: „Darf ich zu Herrn.. , dem Mann hinterm Horizont, zurückfliegen? Er wartet auf mich. Weil er wissen möchte, ob sein Kochtopf bald leerer wird.“ „Natürlich“, antwortet der strenge Ober- Engel ungeduldig, der schon startbereit mit seinen Flügeln flattert.

Noch während der Gute- Gedanken- Engel erleichtert hinter den Horizont zurück fliegt, beginnt es am Himmel zu brausen und zu sausen. Denn von überall her flattern viele, viele Engel mit großen Flügeln. Und jeder Engel hat eine Gießkanne voll Wasser in der Hand. Auch der Ober- Engel. Damit fliegen sie zu jedem Mensch und gießen das Körnchen Liebe, das in jedem Herz eingepflanzt ist. Ganz sachte, damit niemand aufwacht. Inzwischen ist es nämlich Nacht geworden und alle Menschen schlafen tief. Und weil die Engel so sachte gießen, merkt auch kein Mensch etwas davon. Nur mancher träumt dabei einen besonders schönen Traum. Dann lächelt er im Schlaf und dreht sich auf die andere Seite. Die halbe Nacht lang fliegen die Engel durch die Luft und gießen. Überall hin fliegen sie, damit ja kein Körnchen Liebe vergessen wird. Auch nach Afrika und zum Nordpol fliegen sie; und sogar nach Peking zum Kaiser von China. Endlich sind alle Gießkannen leer und alle Menschenherzen feucht. Die Engel flattern wieder nach Hause in den Himmel. Auch der Ober- Engel, der an seinen Bürotisch zurückkehrt. Und dort gleich einen Gärtner- Engel herbeiruft. Damit der in Zukunft das Körnchen Liebe in den Menschen gießt. Aber noch während die Engel nach Hause flattern, beginnt sich das Körnchen Liebe in den Menschenherzen zu regen. Ganz vorsichtig, denn es ist ja so lange still gelegen.

Zuerst zittert es ein bisschen. Dann streckt es sich in die Länge und in die Breite. So, als würde es aufwachen. Plötzlich entsteht in der Mitte ein dünner Spalt. Immer länger wird er, bis er so lange ist wie das Körnchen selbst. Und ganz, ganz zart leuchtet daraus ein schöner warmer und heller Lichtstrahl. Als sei er aus Gold, so warm und hell. Immer kräftiger strahlt der warme und helle Lichtstrahl. So kräftig, dass schließlich das ganze Herz beleuchtet und erwärmt wird. Und als die Menschen am anderen Morgen aufwachen, sich recken und strecken und gähnen - da fühlen sie sich, als scheine eine warme, goldene Sonne in ihrem Herzen. Kennst Du das Gefühl? Bestimmt.

Stell Dir einfach mal vor, es ist Winter und eisig kalt. So kalt, dass Deine Nasenspitze ganz rot und Deine Fingerspitzen und Zehen ganz taub sind. Und als Du endlich frierend nach Hause kommst, wartet in der Küche eine große, dampfende Tasse Kakao auf Dich. Weißt Du noch, wie gut der erste Schluck tut? Wie sich die Wärme in Deinem ganzen Körper ausbreitet? Genauso fühlen sich die Menschen jetzt beim Aufwachen. Ganz verwundert sind sie, dass sie sich so wohl fühlen. Weil in ihrem Herzen das Körnchen Liebe strahlt. Aber das wissen sie natürlich nicht. Und weil sie sich so wohl fühlen, haben sie gar keine Lust darauf, schlechte Gedanken zu denken. Wenn nun beispielsweise der Herr Besenstiel aus München seinem Nachbarn begegnet, lüftet er den Hut und grüßt freundlich. Obwohl der Nachbar immer so laut singt, wenn er in seiner Badewanne sitzt. Dann wird Herr Besenstiel jedes Mal sehr ärgerlich. Aber seit das Körnchen Liebe in den Menschen strahlt, macht Herrn Besenstiel das Singen gar nichts mehr aus. Weil es ihn freut, wenn sich sein Nachbar in der Badewanne wohl fühlt. Und der Nachbar singt auch gar nicht mehr so laut. Weil er auf Herrn Besenstiel Rücksicht nimmt. Wegen dem Körnchen Liebe in ihrem Herzen.
So gut wie der Herr Besenstiel und sein Nachbar in München denken plötzlich alle Menschen. Ganze zwei Tage lang. Und die Nacht dazwischen sowieso. Denn da liegen die Menschen ja im Bett und schlafen. Auch der Herr Besenstiel und sein Nachbar.

Der Mann hinterm Horizont ist natürlich sehr froh, dass die Menschen zwei Tage lang nur Gutes denken. So kann er die vielen schlechten Gedanken in aller Ruhe kochen. Bis er seine Waschküche leer gekocht und anschließend gründlich geputzt hat. Und jeden der eintausendvierhundertundvierzig Knoten aus Engelshaar kontrolliert hat. Die übrigens alle in Ordnung sind.

Nun darfst Du aber nicht glauben, dass überhaupt keine schlechten Gedanken mehr in den Kochtopf fliegen. Denn das Körnchen Liebe im Herzen will von den Menschen gepflegt werden. Damit es weiterhin so warm und hell strahlt. Und vor allem muss es beschützt werden. Vor Ärger etwa. Weil Ärger und Hass und Neid ganz große Gefahren für die Liebe sind. Diese Gefahren gibt es immer, trotz der Liebe. Weil es so viele Probleme gibt. Und meistens ärgert man sich doch über seine Probleme.
Stimmt´s?

Aber sobald Du Dich ärgerst, wird der warme und helle Strahl von der Liebe ganz dünn. Denn er ist sehr zart. Und verletzlich. Erst wenn der Ärger vorbei ist und wenn Du wieder an die Liebe denkst, wird der Strahl so warm und hell wie vorher.


Weil manche Menschen ihr Körnchen Liebe nicht beschützen, hört es bald auf, so warm und hell zu strahlen. Dann beginnen die Menschen von neuem, schlechte Gedanken zu denken. Und der Herr Besenstiel in München ärgert sich wieder über seinen Nachbarn, der so laut singt wie vor drei Tagen. Und die ganzen schlechten Gedanken von Herrn Besenstiel und den anderen Menschen fliegen wieder schnurstracks in den Kochtopf von Herrn.. . Natürlich nicht in der Menge wie vorher. Aber doch so viele, dass Herrn.. nicht langweilig und sein Kochtopf nicht kalt wird.
Er lässt Dich übrigens schön grüßen. Und wenn Du mal in die Nähe von hinterm Horizont kommst, bist Du herzlich eingeladen. Dann kannst Du auch gleich sein neuestes Rezept probieren: Radieschenpüree mit Gurkenspaghetti. Und zum Nachtisch gibt es etwas ganz Besonderes: Sonnenschein-Eis. Mit Sahne.



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